Tour de Suisse

Im Herbst 2004 folgten Götz Gramlich und ich unserer Leidenschaft für Schweizer Grafik-Design und starteten eine Rundreise durch unser kleines Nachbarland in den Alpen. Ziel war es, die Sichtweisen Schweizer Plakatgestalter, von Talent bis Koryphäe, zu Ihrer Arbeit und zum Siebdruckverfahren zu erfahren.
- In chronologischer Reihenfolge besuchten wir:
- Melk Imboden, Stans
- Siebdruck Bösch, Stans
- Marc Brunner, Büro Destruct, Bern
- Serigraphie Uldry, Hinterkappelen/Bern
- Erich Brechbühl, Mixer, Luzern
- Niklaus Troxler, Willisau
- Ralph Schraivogel, Zürich
Melk Imboden & Bösch Siebdruck
Melk Imboden sucht nach Postern
Es beeindruckt immer wieder, wie aus dem verträumten, hinterwäldlerisch anmutenden Idyll der Schweiz so viel Innovation und Modernität sprüht! Vielleicht liegt die schöpferische Kraft eben genau in jener Ruhe und Gelassenheit, die wir gleich zu Beginn unsere Reise in Stanz-Schaue zu Besuch bei Melk Imboden erlebten. Das Lächeln, mit dem uns Melk empfing, strahlte nur so vor offener Herzlichkeit.
Lange hockten wir zusammen und stöberten in seinem großartigen Fundus an Postern, wobei er uns vielschichtige Annekdoten erzählte. Z.B. wie sein damaliger Professor an der Hochschule ihn ermunterte, einen, wie Melk glaubte, ersten, skizzenhaften Entwurf zu einem Plakatwettbewerb einzusenden. Und prompt wurde das Poster mit dem ersten Preis ausgezeichnet.
Später fuhren wir zu dritt zu Siebdruck Bösch. Hier lassen Melk Imboden und viele weitere bekannte Grafiker gerne ihre Plakate drucken. Der Familienbetrieb arbeitet höchst professionell und legt vor allem viel Wert auf exakte Umsetzungen der besonderen Wünsche der Gestalter. Als schönen Nebeneffekt hat Familie Bösch mittlerweile ein riesiges Archiv an besonders sehenswerten Siebdrucken, von welchen wir einige Exemplare mitnehmen durften.
Am nächsten Tag wartete unser längster Trip: es ging in die Hauptstadt zu Büro Destruct und Serigrafie Uldry und abends noch nach Luzern zu Erich Brechbühl.
Marc Brunner von Büro Destruct
Marc Brunner in seinem Büro
Gleich der erste Eindruck bei Marc Brunner vermittelte uns, dass hier eine andere Generation am Schaffen ist. In sehr lockerer Atmosphäre zwischen lauter kreativem In- und Out-Put plauderten wir dann, kaffeschlürfend und Zigaretten rauchend, über die Ordnung-Kontra-Chaos-Philosophie von büro destruct. Wobei wir erfuhren, dass man eher aus der Nähe zu Serigrafie Uldry ab und zu auch Plakate im Siebdruck produziere, als aus einer besonderen Vorliebe dafür.
Nachdem Lopetz (Lorenz Gianfreda) uns dann noch ein wenig durch die anderen Räume geführt und ein bisschen zu seinen Werken erzählt hatte, verließen wir büro destruct in Richtung Hinterkappelen, einem Vorort von Bern.
Serigraphie Uldry
Monsieur Uldry, senior präsentiert seine Siebdruckschätze. Rechts: Siebdruck von HR Giger
Serigraphie Uldry ist noch eine Nummer größer und bekannter als Siebdruck Bösch. Wie auch bei allen vorangegangen Besuchen wurden wir sehr freundlich vom geschäftsführenden Herrn Uldry, Junior empfangen.
Es folgte eine sehr ausführliche Führung durch das gesamte Firmengebäude. Vorbei an überall präsenten und variantenreichen Druckwerken mit kurzem informationsüberladenem Halt im heiligen Raum des Farbmischers, gelangten wir zu den imposanten, nicht wirklich leisen Druckstraßen. Auf einer lief gerade das später mehrfach ausgezeichnete Poster Sportdesign von Martin Woodtli, um die Farbabstimmungen zu testen.
Beim Verlassen der lärmenden Halle begrüßte uns dann noch Monsieur Uldry, Senior. Wenn man bis dato noch nicht begriffen hatte, was es heißt, mit Leidenschaft Siebdrucker zu sein, dann vermittelte er es auf jeden Fall. Voller Enthusiasmus zeigte er uns noch ein paar Schmuckstücke, unter anderem einen über zweihundertfünzigfarbigen Kunstdruck (eine Spezialität des Hauses) und Siebdrucke von HR Giger.
Völlig überwältigt verließen wir Bern in Richtung Luzern, um dort im Dunkeln und eigentlich nicht mehr wirklich konzentriert bei Erich Brechbühl in der Mixer Kommunikationskommune anzuklopfen.
Erich Brechbühl, Mixer
Erich Brechbühl noch beim Arbeiten
Im gemütlichen, von rotem Backstein gedämpften Schreibtischlicht gewährte uns Erich Brechbühl Einblick in seine Arbeiten.
Uns wurde schnell klar, dass es immer noch – also auch bei jungen aufstrebenden Talenten – eine große Begeisterung für den Siebdruck gibt. Denn Erich berichtete, dass er die Produktion der meisten seiner Siebdruck-Plakate teilweise oder sogar komplett selbst finanziere, um seinen hohen Ansprüchen genüge zu tun. In seiner Farbbrillianz und Homogenität in der Fläche ist der Siebdruck eben etwas ganz Besonderes.
Betrachtet man die Art und Weise, wie Erich mit einfachen gestalterischen Mitteln die teilweise radikalen Aussagen seiner Plakate untermauert, so wird man unweigerlich an seinen Lehrmeister früherer Tage erinnert: Niklaus Troxler.
Niklaus Troxler
Niklaus Troxler über die Passgenauigkeit der verschiedenen Farben
Er ist wohl einer der bekanntesten Plakatgestalter weltweit. Seine Plakate hängen im Museum of Modern Art in New York, sie sind in Mexico City, Tokio oder auch Paris zu sehen.
Zu Besuch in seinem Haus im niedlichen Willisau ist davon wenig zu spüren. Niklaus Troxler ist locker, offen und hat immer noch den Boden unter den Füßen.
Durchstreift man mit ihm das schier unerschöpfliche Archiv seiner in ca. 5 Jahrzenten enstandenen Poster, strahlen seine Augen eine noch immer faszinierte, jugendliche Neugierde aus. Dabei schwärmt er mit ansteckender Begeisterung bei nahezu jedem Werk von einer drucktechnischen raffinierten Lösung! Dieser Enthusiasmus gepaart mit seiner Leidenschaft zum Jazz sind es wohl, die ihn fortwährend an die Grenzen der Gestaltung treiben und immer wieder neu Formen finden lassen.
Ralph Schraivogel
Ralph Schraivogel im Atelier in Zürich
Auch Ralph Schraivogel ist ein international renommierter Plakatgestalter dessen Arbeiten in mehreren dauerhaften Ausstellungen zu sehen sind (z.B. im MOMA in New York). Ganz anders als in der farbigen Welt von Niklaus Troxler, sitzen wir nun in einem silbergrauen Büro von Zürich mit fast nichts drin. Dafür sehr viel Platz für kreative Freiheit?
Viele Werke Schraivogels sind geprägt von großer Experimentierfreudigkeit. So gelang es ihm schon bevor der Computer die Welt des Grafikdesigns beherrschte, Bilder zu erschaffen, die den Einsatz moderner Software mit leistungsfähigen Rechnern erwarten lassen. Aber dem war nicht so: Ralph Schraivogel experimentierte mit Wasser und Metallen, mit Strom und Magentfeldern und hielt die Ergebnisse mit großen Belichtern auf Film fest. Beeindruckend, zu welchen Ergebnissen das führt!